Kultur als Lebensmittel

Mannheim vom Feinsten: Rolf Stahlhofen, Laith al Deen, Edo Zanki und Xavier Naidoo im Capitol.

Mannheim vom Feinsten: Rolf Stahlhofen, Laith al Deen, Edo Zanki und Xavier Naidoo im Capitol.

Unsere Vision ist die einer kreativen und kulturell blühenden Stadt. Kultur ist der Kitt der Gesellschaft. Sie ist Lebensmittel und nicht Luxus. Kulturelle Bildung ist der Schlüssel zur Zukunft und zur Beteiligung an der Gestaltung der Stadtgesellschaft. Die kulturelle Teilhabe aller Bevölkerungs- und Altersgruppen aller sozialen Milieus ist unser Ziel. Maßnahmen, die jenen die Türen zur Kultur öffnen sollen, die es sich nicht leisten können, unterstützen wir. Die Idee von Kulturlotsinnen und -lotsen, zum Beispiel an Schulen, die den Zugang inhaltlich vermitteln, werden wir weiter verfolgen. Eintrittsfreie Tage und niederschwellige Programmangebote helfen zudem, eine Kultur für Alle entstehen zu lassen. Dazu zählt für uns auch, dass alle städtischen Kunst- und Kultureinrichtungen mittelfristig in jeder Dimension barrierefrei werden.

Vielfalt

Eine Stadt der Einwanderung, in der Menschen aus 170 Nationen leben, ist reich an vielfältiger Kultur. Diese Tatsache hat in der etablierten Stadtkultur noch zu wenig Raum. Wir setzen uns dafür ein, dass in den etablierten Häusern sowohl das Personal als auch die Programmatik diese Vielfalt spiegeln.

Freie Szene

Die Förderung der Freien Szene ist nach wie vor mangelhaft und muss sukzessive ausgebaut werden. Hier sehen wir einen Schwerpunkt künftiger Kulturpolitik. Es leben und arbeiten Kulturschaffende einerseits unter der Armutsgrenze, anderseits bereichern sie die Stadt mit kultureller Vielfalt durch hohen Einsatz. Kleinere Einrichtungen sind immer wieder existenzgefährdet.  Die Einrichtung eines Zentrums der darstellenden Kunst werden wir weiterhin einfordern. Es fehlt nicht nur für diesen Kulturbereich an bezahlbaren Räumlichkeiten, in denen 100 bis 300 Menschen für Veranstaltungen Platz finden. Wir sehen eine städtische Aufgabe darin, den Austausch und die Zusammenarbeit der Aktiven in der Freien Szene zu fördern.

Nationaltheater

Das Nationaltheater hat insbesondere auch durch unseren Einsatz eine neue, demokratischere Leitungsstruktur erhalten. Diese Struktur gilt es zu erhalten und weiter auszubauen. Sie ermöglicht mehr Kreativität und ist der Anfang eines demokratischeren Theaterhauses. Die Arbeit des Schnawwl und Projekte wie die Bürgerbühne sind beispielhaft und Schritte auf dem richtigen Weg zu einem offenen und zukunftsfähigen kommunalen Viersparten-Theater. Damit wird mehr soziale Verantwortung übernommen. Auch die anderen großen Häuser, die hohe städtische Zuschüsse erhalten, müssen sich den Veränderungen der Gesellschaft und der Zielgruppen stellen. Wir freuen uns auf neue Konzepte für das sich wandelnde Verhalten der Adressatinnen und Adressaten. Das Publikum von morgen hat andere Bedürfnisse und Ansprüche an die Kultur.

Neues

Mannheim braucht mehr Orte, an denen sich Kinder und Jugendliche kreativ und kunstschaffend ausprobieren können. Dort müssen Computer, Software und Zubehör vorhanden sein und die Möglichkeit, Instrumente und Malerei auszuprobieren. Unter fachlicher Anleitung können Kinder und Jugendliche hier ihre Talente entdecken. Die Musikschule und die Stadtbibliothek gehen mit gutem Beispiel voran. Wir wollen diese Angebote ausbauen und Einrichtungen wie das Jugendkulturzentrum Forum angemessen ausstatten. Immer neue und interessante Formen der Kultur entstehen. Performances, Filmprojekte, Ausstellungsprojekte und visuelle Kunstformen blühen überall in der Stadt auf. Wir wollen den Blick und die Kulturpolitik dafür offen halten und fördern, was immer möglich ist.

Musik

Die Förderung der Pop- und Musikkultur hat sich deutlich verbessert. Hier wird von der Popbeauftragten und dem Clustermanagement Musikwirtschaft bemerkenswerte Arbeit geleistet. Mehr Auftrittsmöglichkeiten und die Förderung der Club- und Musikkneipenszene, Veranstaltungen wie „Nachtwandel“, „Buschnacht“, „Mitten in der Nacht“ sowie die Festivals „Jetztmusik“ und „B-Seite-Festival“ sowie der „Crossover Composition Award“ sollen ausgebaut und gefördert werden. Die gesamte Bandbreite der Musikkultur bis hin zu Jazz, Klassik, orientalischer und Weltmusik ist zu vermitteln und zu fördern. Es fehlt auch hier an Auftrittsräumen für eine mittlere Besucherzahl. Wir schlagen ein stadtweites Festival: „Musik dehnt die Fugen“ vor. Mit städtisch organisierter Vermittlung könnten an einem Wochenende in möglichst vielen Räumen bis in die Stadtteile hinein möglichst viele Bands und Solomusikerinnen und -musiker spielen. Wir machen uns stark für den Erhalt der klassischen Ausbildung und der Schulmusikausbildung an der Staatlichen Musikhochschule in Mannheim. Die Qualität der Ausbildung liegt auch in der Breite des Angebots, anderslautenden Plänen widersetzen wir uns.

Kulturbüro

Deutschland kann erst wieder im Jahr 2025 eine Europäische Kulturhauptstadt stellen. Unabhängig von diesem Wettbewerb wollen wir eine Hauptstadt der Kultur werden Der Weg ist uns wichtiger als das Ziel. Wir fordern ein offenes Kulturbüro als Ansprechpartner für alle Kunst- und Kulturschaffenden. Es soll Drehscheibe für Kontakte und Vermittlungen sein, Hindernisse abbauen, Fördermöglichkeiten vermitteln, Ideen makeln und Brücken zur Realisierung schlagen. Infrastruktur für Veranstaltungen könnte hier preiswert oder umsonst ausgetauscht werden. Schulen könnten Kulturkontakte knüpfen. Offenheit bedeutet auch, in Austausch zu treten. Beispielsweise kann ein türkischer Verein ein Stadtteilfest zusammen mit einem Gewerbeverein organisieren. Für vorhandene Bars und Kneipen können sehr einfach Anreize und Möglichkeiten für Band-Auftritte geschaffen werden. Diese Aufgaben wären in einem solchen Kulturbüro zu beheimaten.

Finanzierung

Zuschusserhöhungen für die großen Kulturinstitutionen auf Kosten der Freien Kulturszene, freier Projekte und kultureller Bildung lehnen wir ab. Wir wollen den Anteil der „kleineren“ Bereiche am Kulturetat weiter erhöhen. Die Möglichkeiten der Förderung von Bund, Land und EU müssen besser ausgeschöpft werden. Institutionen wie das Jugendkulturzentrum Forum oder die Alte Feuerwache können strukturell neu organisiert werden, um von der soziokulturellen Förderung des Landes Baden-Württemberg zu profitieren. Die Stadtverwaltung sollte beispielsweise im Kulturbüro eine Ansprechpartnerin oder einen Ansprechpartner für kleine Gruppen zum Thema Förderung stellen und diesen Gruppen beratend zur Seite stehen. Nach einer notwendigen Analyse der Besucherinnen- und Besucherstruktur des Nationaltheaters müssen Gespräche mit der Region geführt werden. Ein guter Teil der Besucherinnen und Besucher, vor allem des Opernhauses, kommt aus der Region. Die Region aber ist mit keinem Euro an den Zuschüssen für die Plätze im Opernhaus beteiligt. Auch Gespräche über eine bessere Zusammenarbeit mit Ludwigshafen sind nötig. Große Teile der Finanzierung von Kulturangeboten, die der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar zu Gute kommen, liegen auf Mannheims Schultern. Hier müssen wir mit dem Umland ins Gespräch über Umlagen kommen. Die Metropolregion muss sich auch in Fragen der Kultur besser zusammen finden. Zur Verbesserung der Finanzierung setzen wir uns dafür ein, dass das Land das Nationaltheater in gleicher Höhe wie die Bühne in Karlsruhe und Stuttgart finanziert.

Vereine

In Zeiten des demographischen Wandels stehen die Sportvereine wie alle Akteure im Freizeit- und Sozialbereich, die auf ehrenamtliches Engagement angewiesen sind, vor besonderen Herausforderungen. Verlängerte Schulzeiten, komprimierte Schul- und Ausbildungsgänge und weniger Nachwuchs durch geburtenschwache Jahrgänge erschweren Kindern die Teilnahme an Sport- und Freizeitangeboten und Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Engagement als Trainerinnen und Trainer. Hier sehen wir die Stadt in der Pflicht: Sie muss den Vereinen helfen durch eine Anpassung der kostenfreien Überlassungszeiten der städtischen Sportstätten für den Kinder- und Jugendsport an die veränderten zeitlichen Rahmenbedingungen und eine intensivere Zusammenarbeit von Vereinssport und Bildungsbereich. Zwar ist schon ein Kooperationsmodell zwischen dem Fachbereich Bildung und dem Sportkreis vereinbart. Dieses vereinbarte Modell muss aber noch mit Leben erfüllt und dem nötigen Geld ausgestattet werden.

Integrationskraft

Der Anteil erfreulich gesunder und aktiver Seniorinnen und Senioren belebt auch in unserer Stadt die Nachfrage nach Freizeit- und Sportmöglichkeiten für diesen Lebensabschnitt Das verändert die Struktur des Mannheimer Sport- und Freizeitlebens auf Dauer und bringt einen Wandel bei den Vereinen mit sich. Sie sehen sich neuen Anforderungen gegenüber von der vereinsgetragenen Kindertagesbetreuung bis hin zu Kooperationen mit Akteuren der Altenhilfe. Hier sollte die Stadt gerade den organisierten ehrenamtlichen Sport bei der Weiterentwicklung und Qualifizierung der Vereinsstrukturen unterstützen. Kritisch aus unserer Sicht gilt es dabei aber auch anzumerken, dass die bei vielen Vereinen feststellbare Tendenz, ihre Attraktivität für Kinder und Jugendliche über Kunstrasenflächen zu definieren, nicht nur aus ökologischen, sondern vor allem auch aus ökonomischen Gründen mehr als bedenklich ist. Wir wollen diese kritische Entwicklung stoppen. Wir trauen dem Mannheimer Sport auch weiterhin eine große Bindungs- und Integrationskraft im Kinder- und Jugendbereich über alle Moden hinweg zu, weil wir hier ein ungeheuer starkes Angebot und Engagement erleben. Das wollen wir von politischer Seite nach Kräften fördern und unterstützen. Genau diese Bindungs- und Integrationskraft benötigt unsere Stadt dringend, um den demografischen Wandel und die Integration hoffentlich vieler Neubürgerinnen und Neubürger zu meistern.

Konversion

Der organisierte Sport hat die Konversion in Mannheim als Herausforderung und Chance für die eigene Weiterentwicklung verstanden und angenommen. Als Herausforderung, weil der Entwicklungsbedarf auf den Konversionsflächen, insbesondere auf Benjamin-Franklin und Coleman, nach einer gesamtstädtischen Planungsperspektive verlangt, die zwangsläufig vieles, zum Beispiel bei den Bädern, auf den Prüfstand stellen muss. Als Chance, weil die Aussicht auf einen Grünzug Nordost dem individuellen Sport- und Freizeitverhalten sowie der Weiterentwicklung der Sportvereine dort gute Perspektiven ermöglicht. Dieses Engagement, welches der organisierte Sport im Konversionsprozess bereits gezeigt hat, verdient Planungssicherheit, nicht nur, was seine weitere umfassende Beteiligung im Konversionsprozess angeht, sondern auch, was die räumlichen und finanziellen Ressourcen betrifft, die für Sport und Freizeit im Zuge der Konversion zur Verfügung gestellt werden. Die Konversion darf dabei nicht dazu führen, dass Sportstätten und Bäder in schlechter erschlossene und schwieriger zu erreichende Randlagen verdrängt werden. Bei möglichen Neubauten von Bädern und Sportstätten muss auf deren Anbindung an den ÖPNV und das Fuß- und Radwegenetz ebenso geachtet werden wie auf den höchst möglichen Standard energetisch sparsamer Bauweise, damit der sozialen und der ökologischen Nachhaltigkeit Rechnung getragen wird.

Gärtnern

Freizeit im öffentlichen Raum beschränkt sich aber nicht allein auf sportliche Aktivitäten. Mit den Patenschaften für die Baumscheiben haben wir bereits eine Aktion auf den Weg gebracht, Mitbürgerinnen und Mitbürger im öffentlichen Raum verantwortlich und kreativ werden zu lassen. Wir setzen uns darüber hinaus für das so genannte Urban Gardening ein, das die bewährten Formen des Gärtnerns in der Stadt ergänzen soll und hoffentlich eine sozial integrierende und gemeinschaftsstiftende Wirkung zu entfalten vermag. Die Kleingartenvereine unterstützen wir in ihrem Bemühen um ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Sie sollen Bestandsschutz genießen. Wo das gar nicht möglich ist, soll für adäquaten Ersatz gesorgt werden.

Reparieren

Ebenfalls gemeinschaftsstiftend und gleichfalls ökologisch hoch sinnvoll sind sogenannte Repair Cafés: Bürgerinnen und Bürger treffen sich regelmäßig, um defekte Geräte in gegenseitiger Hilfe zu reparieren anstatt sie einfach wegzuwerfen. Oft ist dieses Modell verbunden mit der Idee offener Werkstätten. Wir werden uns für Initiativen und Vereine in diesem Bereich und deren Vernetzung auch mit anderen gesellschaftlichen Akteuren aus Industrie, Handel und Handwerk einsetzen.